„Das jüngste Familienmitglied gibt den Ton an“
INterview mit Gerlinde Grunt | 18.11.2025

Gerlinde Grunt hat nach eigenen Angaben einen der besten Jobs der Welt: Als Neugeborenenpflegerin und Nanny unterstützt sie Familien in ihren bedeutsamsten Momenten – während sie wachsen und ihr Baby willkommen heißen.
Mehr als 20 Jahre ist es mittlerweile her, dass Gerlinde Grunt in Hongkong als persönliche Assistentin für einen Geschäftsmann tätig war. Eine Position, in der sie unter anderem die Payroll und das Office Management zu verantworten hatte. Im Laufe der Zeit fielen immer mehr das Privatleben betreffende Aufgaben an – insbesondere als der Arbeitgeber heiratete und eine Familie gründete. Plötzlich fuhr Grunt nicht mehr allmorgendlich ins Büro, sondern zu ihrem Arbeitgeber nach Hause. Kein Tag war mehr wie der andere. Und das Leben von Gerlinde Grunt ab sofort ein abwechslungsreicheres als je zuvor.
Seit damals ist sie als Nanny beziehungsweise Neugeborenenpflegerin in privaten Haushalten tätig und kann bereits auf zahlreiche Aufenthalte an den exklusivsten Orten dieser Welt zurückblicken. „Miss Gerlinde“ – wie ihre Klient:innen sie nennen – unterstützt Eltern in deren neuer Rolle und stellt sicher, dass die Bedürfnisse des Babys erfüllt werden. Zwischendurch zog Grunt die eigenen Kinder groß, studierte und arbeitete in ganz anderen Bereichen – in London etwa auch als Beraterin zu häuslicher Gewalt. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit war „Miss Gerlinde“ auch immer wieder als Erzieherin größerer Kinder im Einsatz. Wichtig ist ihr stets, dass der Erziehungsstil ihrer Klient:innen mit ihrem eigenen harmoniert. Nur so ist eine gute Zusammenarbeit gewährleistet.
Frau Grunt, Sie sind als Nicht-Medizinische-Säuglingspflegerin und Nanny in internationalen Privathaushalten tätig. Was darf man sich darunter konkret vorstellen?
Gerlinde Grunt: Ich bin spezialisiert auf Neugeborene ab Tag eins. Die Ziele variieren: Einige Familien möchten einen gesunden Tagesablauf oder einen Schlafplan etablieren, andere konzentrieren sich darauf, Fläschchen einzuführen oder Beikost zu geben. Ich erstelle für jedes Baby einen individuellen Tagesablauf. Man muss ein Baby in einen Rhythmus bringen – nichts erzwingen, aber langsam einführen. Meist gegen Ende des ersten Lebensjahres übergebe ich meine Stelle dann an eine andere Nanny oder bleibe selbst bei der Familie. Durch meinen Background als persönliche Assistentin kann ich meine Arbeitgeber:innen etwa auch in der Organisation von Reisen unterstützen. Ich trage also viele Hüte.
Wie lange begleiten Sie Familien durchschnittlich?
Gerlinde Grunt: In den letzten Jahren nahm ich nur kürzere Aufträge an, weil ich mich vorrangig auf Säuglingspflege konzentriere. Das variiert zwischen ein paar Wochen und einem Jahr. Manchmal begleite ich Familien auch rein als Travel Nanny. Sprich: Die Familie geht für zwei Monate auf Reisen und ich unterstütze sie dort.
Wird während eines Auftrages von Ihnen erwartet, 24 Stunden täglich verfügbar zu sein?
Gerlinde Grunt: Es kommt immer auf den Vertrag und die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen im jeweiligen Land an. Als Säuglingspflegerin bin ich bis zu 20 Stunden täglich in Bereitschaft und habe vier fixe Stunden Pause. Die Mama muss nachts nicht aufstehen, wenn das Baby wach wird. Wenn sie möchte, bringe ich das Kind aber natürlich zu ihr. Wichtig zu wissen ist: Während das Baby schläft, kann ich mich ebenfalls ausruhen und muss keine sonstigen Haushaltstätigkeiten übernehmen. Mein Rhythmus gestaltet sich also tatsächlich um das Baby herum. Als längerfristige Nanny kommt dieses Rund-um-die-Uhr-Servicepaket nicht in Frage. Man kann das nur über einen begrenzten Zeitraum stemmen. Das wäre sonst ein Weg ins Burnout. Wir müssen unser Privatleben ja sehr in den Hintergrund verlegen. Das Leben dreht sich um jenes der Auftraggeber:innen – und unterscheidet sich somit stark von dem von uns „Normalos“. Sehr oft höre ich trotzdem: „Wir sind ja nur eine normale Familie“. Es gibt aber keine normale Familie. Auch meine ist nicht normal (lacht).
„Es gibt keine normale Familie. Auch meine ist nicht normal.“ (lacht)

Sie meinten, Sie gestalten Ihren Tag um das Baby herum. Wie sieht es beispielsweise mit Mahlzeiten aus? Wann bleibt Zeit für ein Abendessen?
Gerlinde Grunt: Wenn das Baby eingeschlafen ist. Die Familien und das Personal essen nicht immer zur gleichen Zeit. Wenn das Personal um 18:30 isst und die Arbeitgeber:innen um 19:00 Uhr, kann ich weder mit den einen noch mit den anderen essen, weil ich das Baby zu dieser Zeit ins Bett bringe. Das jüngste Familienmitglied gibt für mich immer den Ton an.
Auf welcher pädagogischen Basis arbeiten Sie?
Gerlinde Grunt: Es ist eine Mischung aus Menschenkenntnis, Ausbildung und Erfahrung. Ich habe Pädagogik bereits als Schwerpunkt in der Schule gehabt. In zwischenmenschlichen Berufen braucht es aber viel mehr, als man sich aus Büchern aneignen kann. Ich arbeite wahnsinnig eng mit den Familien zusammen und halte mich in ihren intimsten Privaträumen auf. Die Chemie muss stimmen, sonst ist man ein Eindringling. Meine Aufgabe ist es, das Leben der Eltern leichter zu machen. Ich bin nicht da, um ihr Leben zu bewerten. Aber ich kann beispielsweise wissenschaftlich fundiert argumentieren, warum wir ein Zweijähriges nicht aus einem vollen Kleiderschrank völlig frei das Outfit wählen lassen. Wir als Erwachsene leiten die Kinder.
Wie viel Entscheidungsfreiheit ist angemessen?
Gerlinde Grunt: Viele Menschen missverstehen das Konzept Montessori. Statt den kompletten Kleider- oder Kühlschrank zu öffnen, kann man zwei, drei Optionen anbieten. Möchtest du grüne oder rote Socken? Die Kinder treffen so trotzdem ihre eigene Entscheidung. Sie haben natürlich dennoch oft große Emotionen. Es ist wichtig, dass wir diese Gefühle zulassen. Wir können ihnen nicht jede negative Emotion ersparen und sie vor allen Enttäuschungen schützen. Das wäre auch keine adäquate Vorbereitung auf die reale Welt. Es ist Aufgabe der Erwachsenen, Kindern beizubringen, wie sie mit Enttäuschungen umgehen. Wenn wir später mit einem 12-Jährigen vernunftbasiert diskutieren möchten, müssen wir von Klein an den Grundstein dafür legen. Es gilt, klare Grenzen zu kommunizieren. „Du hast deinen zwei Tage alten Bruder gehaut. Das ist ein Nein.“ Punkt.
Sie haben es mit vielen unterschiedlichen Altersgruppen – vom neugeborenen Baby bis hin zu den Eltern beziehungsweise vielleicht auch Großeltern zu tun. Wo liegen die besonderen Herausforderungen?
Gerlinde Grunt: Manchmal darin, zu kommunizieren, dass im Umgang mit Säuglingen heute vieles anderes gemacht wird als vor 30 oder 40 Jahren. Der plötzliche Kindstod ist natürlich immer ein Risiko. Vor diesem Hintergrund gibt es gewisse Aspekte, die für mich nicht verhandelbar sind: Man legt das Baby nicht mehr auf den Bauch zum Schlafen. Die Zimmertemperatur sollte nicht zu hoch sein und Spielzeuge oder Stofftiere haben heute keinen Platz mehr im Babybett.
Wie viel medizinisches Wissen ist in Ihrem Job nötig?
Gerlinde Grunt: Ich bin im Unterschied zu Hebammen oder Säuglingskrankenschwestern, wie sie im deutschsprachigen Raum üblich sind, nicht medizinisch ausgebildet. Natürlich habe ich aber sehr wohl Expertise im Bereich der pädiatrischen Ersten Hilfe. Und es ist wichtig, potentielle Gefahrenstellen im Haushalt zu erkennen und vorzeitig zu eliminieren. Auf einer Yacht etwa existieren entsprechend viele solcher Bereiche, die es zu sichern gilt bzw. die die Kinder überhaupt nicht betreten dürfen.
„Die Chemie muss stimmen, sonst ist man ein Eindringling.“
Schläft man auf einer Yacht mit Kleinkindern gut?
Gerlinde Grunt: Schläft man grundsätzlich bei der Arbeit gut? Ich schlafe am besten zu Hause (lacht). Gerade bei Neugeborenen, deren Geräusche und Bewegungen man erst kennenlernen muss, steht man ständig unter Strom. In den ersten sechs Lebensmonaten schlafen das Baby und ich meist im selben Zimmer. Anschließend zieht eine:r von uns beiden ins Nebenzimmer. Bei größeren Kindern wohne ich oft im Hotel oder einer nahegelegenen separaten Wohnung. Selbst wenn die Kinder nachts wach werden, wollen sie nicht zu mir, sondern zu ihren Eltern. Aber zurück zur Yacht: Dort muss mit kleinen Kindern natürlich immer ein Eins-zu-eins-Betreuungsverhältnis gewährleistet sein. Niemand, der bei normalem Verstand ist, würde auf einer Yacht alleine die Verantwortung für drei Kinder übernehmen. Das wäre viel zu gefährlich.
Was sind die wichtigsten Kompetenzen in Ihrem Metier?
Gerlinde Grunt: Man muss ein sehr großes Maß an Empathie haben. Und es braucht ein Grundverständnis dafür, dass Frauen, sobald sie Mutter werden, nicht nur noch Mama sind. Sie sind ja immer noch auch Tochter, Schwester, Ehefrau oder beste Freundin. Ich bin da, um Frauen aufzubauen. Ich ermutige sie, mit ihrem Mann essen zu gehen oder die beste Freundin anzurufen. Im deutschen Sprachraum wird es durchaus stigmatisiert, wenn Frauen in der Kindererziehung Hilfe in Anspruch nehmen. Im angloamerikanischen Raum und im Mittleren Osten ist das anders. Dort ist es mitunter ein Statussymbol, für ein Baby sechs Nannys plus eine teamleitende Head Nanny zu haben.
Es existieren also durchaus große kulturelle Unterschiede?
Gerlinde Grunt: Ja, im Mittleren Osten gibt es beispielsweise auch ein strenges Protokoll, in welcher Reihenfolge man geht und wer das Baby trägt. Ich bin ein sehr weltoffener Mensch und halte es wie der Dalai Lama: Wenn du Gast in einem anderen Land bist, dann verhalte dich auch entsprechend und respektiere die Gastgeber:innen.
Sie sprechen unter anderem Mandarin und Kantonesisch – wie kam es dazu?
Gerlinde Grunt: Meine Mutter kommt aus Singapur und ist chinesischer Herkunft, mein Vater ist Deutscher. Ich selbst bin großteils in Asien aufgewachsen. Zu Hause habe ich mit meiner Mutter Kantonesisch gesprochen und mit meinem Vater Deutsch. In der Schule wurde auf Mandarin und Englisch unterrichtet. Besonders reizvoll finde ich es, auch heute als Nanny immer wieder mit Kindern Mandarin sprechen zu dürfen. Diese linguistische Sensibilisierung ist für die Zukunft der Kinder so wichtig. Sprachen können Weltkriege beenden oder starten, denn Missverständnisse sind oft das größte Problem.
Also sind Sie für viele Kinder auch Sprachlehrerin?
Gerlinde Grunt: Die Sprache ist meistens das letzte i-Tüpfelchen im Bewerbungsprozess. Außerdem bin ich Babyschwimmlehrerin. Das Schwimmen ist ein sehr wichtiger Life Skill.
Das sind extrem verantwortungsvolle Aufgaben. Wie entspannen Sie?
Gerlinde Grunt: Unter anderem praktiziere ich koreanisches Zen. Wir müssen nicht immer multitasken. Sich auf eine Sache zu fokussieren, hat etwas Meditatives. Wenn ich esse, dann esse ich. Und zwar ohne sonstige Ablenkungen. Das ist mir auch bei den Kindern wichtig: Sie sollen das Essen mit allen Sinnen in Ruhe genießen können und dabei weder ein Spielzeug noch ein Buch oder ein Smartphone in der Hand haben.
Gibt es noch etwas, das Sie Menschen, die überlegen, selbst Nanny zu werden, mit auf den Weg geben möchten?
Gerlinde Grunt: Man muss die Mentalität haben, zu dienen. Im privaten Haushalt ist man zwar nicht Diener:in, aber man dient – egal welche Position man innehat. Man muss die eigenen Bedürfnisse zurückschrauben können. Speziell jüngeren Menschen fällt das oft schwer. Im Vergleich zur Arbeit etwa im Kindergarten sind Bezahlung und Betreuungsschlüssel zwar weit attraktiver, man hat aber viel weniger Gelegenheit zum Austausch mit anderen Erwachsenen. Es ist also wichtig, selbstständig arbeiten zu können und gut mit sich selbst zurecht zu kommen. Dann ist es einer der schönsten Berufe überhaupt.

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